Das Projekt

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Thema: Lebensspuren – Kunstprojekt in einem Blinden- und Behindertenheim in Szombathely/Ungarn

Konzept:
SchülerInnen der 11. und 12. Klasse der Waldorfschule Szombathely arbeiteten interaktiv in einem sozialen Brennpunkt ihrer eigenen Stadt, d.h. konkret mit Bewohnern eines Pflegeheims unter Anleitung von professionellen Künstlern. Ziel war es, „Lebensspuren“ in der Begegnung von Menschen mit und ohne Handicap freizulegen durch szenisches Spiel, Chorsingen und reale Gestaltung des Lebensraums mit tastbaren Wandbildern und Glasmalerei.

Das in jedem ruhende schöpferische Potential sollte dabei in einem dynamischen Dialog zwischen SchülerInnen und Heimbewohnern erschlossen werden. Die SchülerInnen wurden angeregt, selbstverantwortlich zu arbeiten und ihre sozialen und personalen Kompetenzen zu erweitern. Für die jungen Erwachsenen der 11. und 12. Jahrgangsstufe, die in der Waldorfschule in einem sehr behüteten Kontext aufwachsen, bot das Projekt die Möglichkeit, die ungeschminkte außerschulische Wirklichkeit direkt zu erfahren, sich individuell der Herausforderung einer Begegnung von Mensch zu Mensch zu stellen und sich selbst als Handelnde im sozialen Kontext zu erleben.

Einige Fotoimpressionen aus Ungarn

Warum ein solches Projekt an diesem Ort:

Szombathely war im Mittelalter der Bischofssitz des berühmten St. Martin. Wenn man so will, ging St. Martin in den sozialen Brennpunkt seiner Stadt und teilte seinen Mantel mit einem Bettler. Das Motiv des Mantelteilens passte also optimal zu der Projektidee, Kunst mit den Menschen und für die Menschen zu machen:

Das Pflegeheim selbst war in der Stadt verrufen als „das gelbe Haus“, da es früher die Irrenanstalt beherbergte. Das Gebäude ist ein alter, herunter gekommener Bau aus der sozialistischen Vergangenheit Ungarns, der dringend der Renovierung und „Verschönerung“ bedarf.

Heute begegnen einem hier in öden Fluren Menschen mit körperlichen Behinderungen verschiedenster Art, Rollstuhlfahrer, Blinde und Demenzkranke. Sie erhalten wenige Anregungen, leben von Mahlzeit zu Mahlzeit, sitzen meist stumm da und warten und warten. Worauf?

Ablauf:

Für eine Woche wurde der im Keller des Pflegeheims gelegene Gymnastikraum zum Atelier und Probenraum, die Bibliothek zur Theaterbühne.

Die Tage begannen mit Chorarbeit unter Leitung von Friedemann Geisler. Um eine erste Sicherheit beim Singen zu gewinnen, übten die SchülerInnen zunächst für sich. Im weiteren Verlauf der Woche zog die Gruppe dann in die einzelnen Etagen und Gänge, um dort zu proben. Dies führte dazu, dass sich zunehmend mehr HeimbewohnerInnen und BetreuerInnen an den Proben beteiligten. Das ganze Haus wurde schließlich zum Klangraum, die Türen zu den Zimmern wurden geöffnet, alle Mitbewohner konnten zuhören. Die Arbeit mündete in ein kleines Wandelkonzert am letzten Tag.

Die bildnerische Arbeit unter Leitung von Ulrika Eller-Rüter begann mit Blindzeichnen in der großen Runde. Mit geschlossenen Augen sollte jeder ein Selbstporträt von sich zeichnen. Bei dieser Übung waren alle Beteiligten gleich gestellt, Blinde wie Sehende. Jeder sollte, um locker zu werden, einfach frei drauf los zeichnen, ohne Rücksicht auf Proportionen. Zur Überraschung aller entstanden „richtige“ Porträts. Schnell waren so erste Berührungsängste überwunden.

Als Grundlage für alle weiteren Aktivitäten führten die SchülerInnen mit den HeimbewohnerInnen Gespräche, um etwas über die persönlichen Schicksale zu erfahren.

Ein nächstes Erfahrungsfeld eröffnete sich beim interaktiven Malen. Jeweils vier Personen, SchülerInnen und HeimbewohnerInnen, malten an einem gemeinsamen Bild. Auf großen Formaten wurde flächig Farbe aufgetragen. Es entstanden richtige kleine Kunstwerke. Die „MalerInnen“ waren so motiviert, dass schnell ein zweites Bild entstand. Vier Heimbewohner hatten dabei die Farbe für sich entdeckt und kamen fortan jeden Tag ins „Atelier“, um ganze Serien von kleinformatigen Bildern zu malen.

Dann ging es in vier Arbeitsgruppen an großflächige Werke, die genauer durchgeplant und in sorgfältigen Einzelschritten über mehrere Tage fertig gestellt wurden. .

Für die Etage, in der die sehbehinderten Patienten untergebracht waren, sollten Tastbilder im Format von ca. 80 cm x 200 cm entstehen. Eine Schülergruppe entwickelte eine Landschaftsdarstellung. Sie wurde zunächst mit Pappmaschee auf einer hölzernen Platte modelliert und anschließend farbig ausdifferenziert. Mit ausdauernder Hingabe arbeiteten mehrere HeimbewohnerInnen mit.
Die zweite Gruppe erarbeitete mit der gleichen Technik ein vierteiliges Puzzle mit erhabenen Formen. Schüler-O-Ton: „…damit die Männer der Abteilung auch etwas zu fühlen haben“.
Die dritte Gruppe modellierte aus Gips „Handbegegnungen“, die auch auf ein Brett montiert und farbig gestaltet wurden.
Die letzte Gruppe malte ein Glasbild im Eingangsbereich direkt an die Scheibe. Die Spirale war eindeutig das beliebteste Motiv aller Beteiligten, wie die Entwürfe dokumentierten. Sie wurde zur Grundlage des ca. 2,50 m x 4 m großen vielfarbigen Glasgemäldes. Durch das bunte Licht-Farbenspiel veränderte sich die Atmosphäre des kahlen Ortes von Tag zu Tag.

Eine fünfte Gruppe, an der sich ebenfalls HeimbewohnerInnen beteiligten, beschäftigte sich unter der Leitung von Eveline Mürlebach mit Improvisationstheater. Zunächst wurden in Ton, später mit Pappmaschee farbige Masken ausgearbeitet. Parallel dazu übten die TeilnehmerInnen an kleinen Szenen, welche den Alltag im Heim thematisierten. Die Ergebnisse wurden am letzten Tag während des Wandelkonzertes in den Gängen des Heims gezeigt. In der letzten Szene fanden die Masken ihre Anwendung.

Diese Aktion war der Auftakt zu der Vernissage, die im Gymnastikraum des Heims stattfand, der durch die sorgfältig ausgestellten Bilder zur Galerie geworden war. Im Beisein vieler HeimbewohnerInnen, der SchülerInnen, offizieller und externer Gäste, der Heimleitung und des engagierten Pflegepersonals wurden die bildnerischen Werke feierlich von den Arbeitsteams präsentiert.

Das war das Finale des Kunstprojekts.

Im Verlauf der Woche waren nach Aussagen der Beteiligten über das Medium Kunst intensive Beziehungen zwischen den Menschen verschiedener Generationen und Lebenssituationen entstanden. SchülerInnen waren z. T. tief berührt von den Einzelschicksalen der HeimbewohnerInnen. Es wurde berichtet, dass sich die ganze Atmosphäre des Hauses positiv verändert hätte. Sollte dieses Projekt nicht „Schule“ machen, damit die Pflegheimbewohner regelmäßiger in den Genuss künstlerische Angebote kommen und Jugendliche häufiger Einblicke in schwierige Lebensverhältnisse erhalten, die sich hinter öden Krankenhausmauern verbergen? Über Kunst ist vieles möglich.

 
  Dieses Projekt wurde mit Unterstützung der Europäischen Kommission finanziert. Die Verantwortung für den Inhalt dieser Veröffentlichung (Mitteilung) trägt allein der Verfasser; die Kommission haftet nicht für die weitere Verwendung der darin enthaltenen Angaben.
 
     
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